Schwerin-Lokal

»Power for Kids«: Trägt die Stadtpolitik Mitverantwortung?

Schwerin, 11.01.2016. (stm). Nach der Eröffnung des Prozesses und dem Geständnis des Angeklagten Peter B. über viele Jahre mehre Kinder im Rahmen seiner Tätigkeit beim Verein »Power for Kids« missbraucht zu haben, fragen sich viele Menschen, wie das passieren konnte?

 

Ein Kommentar von Stephan Martini

 

Power for kids

 

Immer stärker rückt nun das Jugendamt in den öffentlichen Fokus. Wie früh wusste es von den Vorwürfen und hat es eventuell viel zu spät gehandelt? Am heutigen Montag werden sich die Fraktionen der Stadtvertretung mit der Oberbürgermeisterin treffen. Dann werden genau diese Fragen auf den Tisch kommen. Die CDU-Fraktion und auch die Unabhängigen Bürger (UB) haben in den vergangenen Tagen immer wieder öffentlich nach Aufklärung gerufen. Nun ist es Zeit, sich auch einmal mit den Versäumnissen der Stadtpolitik zu beschäftigen.

 

Die CDU-Fraktion fordert Aufklärung über die Vorgänge im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen beim Verein »Power for Kids«. Angesichts der Kritik an der Arbeit des Jugendamtes im Zusammenhang mit den Fällen von Kindesmissbrauch durch einen Mitarbeiter des Vereins »Power for Kids«, fordert die CDU-Fraktion in der Stadtvertretung jetzt Antworten durch die Verwaltungsspitze. Mit einem Fragenkatalog soll geklärt werden, was die Stadtverwaltung wann wusste und weswegen die Polizei nicht eingeschaltet wurde?

 

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Oberbürgermeisterkandidat Silvio Horn von den Unabhängigen Bürgern (UB) fordert »personelle Konsequenzen«. Er fühlt sich an den Fall »Lea-Sophie« , über den damalsSchwerins Oberbürgermeister Norbert Claussen gestürzt ist, erinnert. Die UB unter Silvio Horn machen deutlich, dass die Leiterin des Jugendamtes für ihr Amt nicht geeignet sei. Jemand muss laut Horn die Verantwortung dafür übernehmen. Es sollen also Köpfe rollen. Doch wessen Köpfe?

 

Spitze eines Eisberges?

 

Welchen Umfang und welche Tragweite dieser Missbrauchsskandal noch zu Tage fördern wird, bleibt abzuwarten. Auch ob die Vereinsleitung und die Vereinsmitglieder etwas mitbekommen haben.

 

In einer Stellungnahme zeigte sich der Verein nach aufkommen der Missbrauchsfälle in einer Stellungnahme „schockiert“ über die Vorgänge. Und laut SVZ sagte die Vorsitzende des Vereines, dass Sie sich gewünscht hätte, dass das Jugendamt früher interveniert hätte. Auch von „Abhängigkeiten“, in denen Peter B. seinen Verein und Mitglieder hielt, ist die Rede.

 

Gibt Peter B. in Interviews selber die Antwort?

 

Auf die Frage, wie es überhaupt so weit kommen konnte, also warum dem Verein und auch Peter B. ein derartiger Freiraum eingeräumt wurde, hatte vor zwei Jahren der Beschuldigte Peter B. selbst in verschiedenen Interviews Ansätze zur Beantwortung der Frage gegeben:

 

»Als klar war, dass die Stadt mit der Finanzierung der Kinder- und Jugendarbeit Probleme hat, haben wir als Verein einen Wohnblock hier auf dem Dreesch gekauft. Aus den Mieteinnahmen wird die Vereinsarbeit finanziert.«

 

Im Hamburger Abendblatt sagte B.: »Schwerin hat so wie andere Kommunen Zuschüsse für den Kinder- und Jugendbereich immer weiter gekürzt«, weiter heißt es in dem Artikel: »Besonders beliebt seien gemeinsame Ausflüge an Wochenenden oder in den Ferien. Gewalt und Vandalismus durch Jugendliche haben deutlich abgenommen im Kiez.«

 

Drei Arten der Kinder- und Jugendarbeit

 

In Schwerin gibt es drei Arten von Kinder- und Jugendarbeit. Die erste Art sind sogenannte Pflichtaufgaben. Hierzu zählen gesetzlich vorgeschriebene Angebote an Kinder und Jugendliche und deren Familien. Dazu zählen unter anderem die HZE – Maßnahmen (Hilfe zu Erziehung). Dann gibt es die »Freiwilligen Leistungen«. Zu denen gehören die Finanzierung von Jugendclubs und offenen Treffs, die größtenteils zusätzlich zu den gesetzlichen Verpflichtungen übernommen werden. Die dritte Art ist die völlig unabhängige Jugendarbeit. Davon gab und gibt es in Schwerin mehrere. Diese Projekte finanzieren sich selbst, völlig unabhängig und unkontrollierbar von Stadtpolitik, Jugendamt und Verwaltung. Zu diesen Projekten zählt der Verein »Power for Kids«.

 

Lob und Anerkennung

 

»Power for Kids«, ein Verein, der im sozialen Brennpunkt einen Einsatz leistet, den sich die Landeshauptstadt Schwerin finanziell nicht leisten kann und konnte. Jeder Euro den die Stadt einspart, den kompensieren Vereine wie „Power for Kids“ auf privatwirtschaftlichen Wege. »Gut dass Jugendarbeit in dem Problemviertel stattfindet.« war dann zu oft zu lesen. »Gut das es Schwerin nichts kostet.«, mag mancher im Stillen hinzugefügt haben.

 

 

Durch die Reihen der Stadtfraktionen gab es seinerzeit Lob und Anerkennung für diese unabhängige Arbeit. Im Kommunalwahlkampf 2014 posierten Kandidaten beispielsweise von CDU und SPD lächelnd neben Peter B und begrüßten sein freiwilliges Engagement. Der Verein leistete Arbeit, die sich die Stadt nicht leisten konnte.

 

Hat die Stadtpolitik die Verantwortung für den Stadtteil abgegeben?

 

Genau da liegt das Problem. Es mangelt bei unabhängigen Projekten wie »Power for Kids« an der Möglichkeit für das Jugendamt, in diese Projekte hineinzuwirken. Es gibt für derartige unabhängige Projekte und Vereine keine Verpflichtung, geschulte und ausgebildeten Sozialarbeiter einzusetzen. Jeder der will, kann in solchen Projekten aktiv werden.

 

Deswegen blieb über Jahre hinweg bei Peter B. `s Verein auch eine Zuschuss-Finanzierung durch die Stadt aus. Kurz vor Bekanntwerden seiner Taten wurde allerdings erwogen »Power for Kids« einen Status zuzusprechen, der den Verein an »Träger freier Jugensarbeit« anerkannt hätte und »Power for Kids« in den Genuss städtischer Fördermittel gebracht hätte. Nach Bekanntwerden der Missbrauchsvorwürfe, wurde diese Anerkennung zügig gestoppt. Auf expliziten Wunsch des Vereins, wie es damals hieß.

 

Warnende Politiker ignoriert

 

Doch gab es in der Stadt nicht nur uneingeschränkte Befürworter dieser Art von Jugendarbeit. Peter Brill (Die Linke), Vorsitzender des städtischen Jugendhilfeausschuss, spricht sich seit Jahren gegen eine Anerkennung des Vereins als »Träger der freien Jugendarbeit« aus. Telefonisch und in einem TV Interview begründete er seine Vorbehalte. Ihm sei aufgefallen das hier einem Verein zu viel Freiraum gegeben wurde. Es erschien ihm als sei der Verein und seine ausgebauten Strukturen eine »Stadt innerhalb der Stadt«. Seine Vorsicht gegenüber »Power for Kids« kam offenbar nicht ganz grundlos, obwohl man hier keinesfalls die Missbrauchsfälle und die Vorbehalte des Stadtvertreters unzulässig vermengen sollte. Hier geht es um die Form, wie in der Stadt Jugendarbeit stattfinden sollte.

 

Die Arbeit des Vereins wurde stetig und durchgängig ohne städtische Unterstützung fortgesetzt. Power for Kids wurde allerdinsg von der Stadt ein günstiger Plattenbau und eine leerstehende Kaufhalle zu moderaten Preisen verkauft, die fortan über eine Vermietung der Räume den Verein finanzierten.

 

Kürzungen und Einsparungen politisch verantwortet und gewollt

 

Seit Jahren gibt es im Bereich der Freiwilligen Jugendarbeit Kürzungen. Immer wieder wurden von der Stadt die freiwilligen Leistungen in dem Problemviertel durch Einsparungen beschränkt.

 

Die Probleme in dem Stadtteil bleiben daher bestehen. Gerade auf dem Dreesch gibt es eine Ballung von Leistungsempfängern nach SGBII. Dort ist der Wohnraum, im Vergleich zur polierten Innenstadt, noch günstig. Nicht selten führt eine solche Segregation von Städten in »gute« und »weniger gute« Stadtteile zur Häufung von sozialen Problemen.

 

In solchen Problemstadtteilen braucht es dann Anlaufstellen, die sich für eine positive Entwicklung der Kinder und Jugendlichen einsetzen. Solch eine Anlaufstelle möchte der unabhängig agierende Verein »Power for Kids« sein. Städtisch finanzierte Jugendarbeit fand und findet in dem Problembezirk dagegen kaum statt.

 

Verantwortung fordern, Eigenanteil ausblenden

 

Auch von denen, die jetzt Konsequenzen beim Jugendamt fordern, gab es immer wieder die Forderung im Jugend und Sozialbereich nach Einsparungsmöglichkeiten zu suchen. Zum Thema Jugend und Soziales sagte Sebastian Ehlers (CDU) seinerzeit, man »müsse … zur Kenntnis nehmen, dass die Jugend- und Sozialausgaben im Städtevergleich exorbitant hoch seien. Hier müsse man nach den Ursachen forschen und sich um eine Absenkung bemühen.« Silvio Horn (UB) machte deutlich: „Man muss schauen… ob die Fachleistungssätze der in Schwerin agierenden Träger überdurchschnittlich hoch sind, und schließlich, ob generell zu schnell HzE gewährt wird (Lea-Sophie-Effekt)«.

 

Silvio Horn vergleicht die Fehler des Jugendamtes im Fall Peter B. aktuell laut einem Bericht in der SVZ erneut mit dem Fall Lea Sophie. Dieses Mal sagte er allerdings, es sei »ihm schleierhaft wie … im aktuellen Fall derart oberflächlich reagiert wurde«.

 

Eine kurze Recherche im Netz fördert unzählige gleichlautende Einsparungsaufrufe im Kinder- und Jugendsozialbereich, auch der anderen politischen Parteien in Schwerin zu Tage. Und ebenso mehren sich die Rufe, einen Schuldigen für die Missbrauchsfälle zu benennen. Ein kurzer Blick in die eigenen Worte könnten derartige Rufe etwas leiser werden lassen und dabei helfen, zukünftige Verwahrlosungen zu verhindern, statt in politische Schuldzuweisungen zu verfallen.

 

Unkontrollierbarer Freiraum im Problembezirk

 

Wenn sich Politik eher darum bemüht, die Wirtschaft zu fördern, wenn die politischen Schwerpunkte wie Arbeitsplätze und Tourismus, die Wertigkeit von Jugend und Soziales übersteigen, wer soll die Aufgaben zum Wohle der Kinder und Jugendlichen, die Unterstützung und Hilfe benötigen dann übernehmen?

 

 

Die Stadt wollte und konnte, aufgrund der drohenden Zwangsverwaltung des Landes Mecklenburg Vorpommern, die erforderliche Jugendarbeit nicht im notwendigen Rahmen übernehmen.

 

Dieses können dann nur Vereine tun, die sich ehrenamtlich für das Wohl der Kinder und Jugendlichen einsetzen. Dies kann durchaus funktionieren. Vereine wie der Paulsstadttreff im Dr.K. beweisen es.

 

Haben Miet-Abhängigkeiten zum „Wegsehen“ geführt?

 

Wenn aber wie im Fall von »Power für Kids« auch noch Wohnraum als Finanzierungsquelle des Vereines dient (Abendblatt.de), der von Menschen benötigt wird um ihre eigenen Existenzen zu sichern, dann ist schlimmstenfalls ein „Wegsehen“ und „Übersehen“ vorprogrammiert. Bei einer Ortsbegehung des Miethauses wusste die einen nichts von dem, was sich in den Vereinsräumen abgespielt hat. Andere wollten sich zu dem Sachverhalt nicht äußern. Eine Mauer des Schweigens oder der Unwissenheit, so scheint es.

 

Verbindlich und öffentlich äußert sich derzeit keiner der angesprochenen Mieter des Wohnblockes, dass die Finanzierungsquelle für den Verein stellt. Seien doch nach Angabe des Täters Peter B.: »…viele Mieter Vereinsmitglieder, Ehrenamtliche oder Familien der jüngsten Klub-Besucher«.

 

Versagen auf ganzer Linie

 

Kinder und Jugendarbeit im Problemviertel vernachlässigt – zu hohe Ausgaben seien das für die verschuldete Landeshauptstadt -, ein unkontrollierbarer Freiraum entstand, das Jugendamt reagiert auf die Missbrauchsvorwürfe mindestens verspätet und die Betreuung der Kinder und Jugendliche findet durch ungeschultes Personal im Verein statt. Das alles ist eine mehr als fragwürdige Gemengelage. Ein Problemviertel auf sich gestellt. Allein gelassen.

 

Diese Gesamtlage, so meine Meinung, hat dem Täter Peter B. dabei geholfen, seine Taten zu verüben. Er ist natürlich alleine verantwortlich für seine Taten. Doch eine Mitverantwortung für den freien Spielraum trägt die Politik der Touristenhochburg des Landes Mecklenburg Vorpommern, dessen Innenstadt glänzt, dessen Randgebiete aber mehr und mehr sich selbst überlassen werden.

 

Die Kinder und Jugendlichen, die Opfer des Peter B. geworden sind, jemanden den sie vertrauten, brauchen nun Unterstützung von Seiten der Stadt. Dies sind dann auch HZE-Mittel, städtische Gelder. Also Geldmittel, die für manchen in der Stadtpolitik offenbar viel zu schnell ausgegeben werden und Sparpotential angesichts der Haushaltslage der Stadt sein könne.

 

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