Schwerin-Lokal

Auch schwarze Vögel brauchen einen Schutzengel

Schwerin, 17.03.2016 (red/RHCSo). Am 1. März hat die Zweiradsaison begonnen. Auch in Mecklenburg-Vorpommern werden wieder mehr Biker auf den Strassen zu sichten sein. Rainer Sonnberg ist „Urschweriner“ und ist seit 41 Jahren selber Biker. Für ihn ist seine Maschine so etwas wie „eine Seele“, wie er selber sagt. Heute beschreibt er eine Begebenheit am 21. Juni 2010 auf der A24, die ihn bis heute noch ehrfürchtig erstarren lässt. Sein Erlebnis hat er für Schwerin-Lokal aufgeschrieben.

 

blackbird

Rainer Sonnenbergs Blackbirth. „Für mich hat jede Maschine so etwas wie eine Seele“ Foto: Rainer Sonnenberg

 

Das Tier in meinen Träumen ist schwarz wie das Herz eines Kredithais, stark wie einhundertdreiundfünfzig Pferde, sauschnell und heißt „Super Blackbird“. Doch wir schreiben Januar, draußen sind minus sechs Grad und bei Tempo zweihundertneunzig sitzt Gevatter Tod hinter mir auf der Maschine. Immer. Doch ich bin ein Adrenalinjunkie und liebe es, wenn der Sensenmann mir jede Nacht auf der Heimfahrt seinen kalten Pesthauch in den Nacken bläst.

 

Es ist kurz vor halb drei, die Mädels haben Feierabend gemacht und ich wuchte unter den schmetternden Gitarrenriffs von AC/DC und „Highway to hell“ die Ölmaschine nach vorn und begutachte die Kollateralschäden, die nach elf Stunden Völkerwanderung im Bowlingcenter in Görries unvermeidlich sind. Es ist ein Automatismus, der immer abläuft, wenn der letzte Gast gegangen ist und er lässt Raum in meinen Kopf für viel zu viele Gedanken. Sie werden noch stundenlang weiterbohren und dafür sorgen, dass ich nicht gleich nach dem Ende der Spätschicht ins Bett gehen kann. Selbst dann werden sie mich noch eine Weile wach halten. Wie immer. Scheißnächte.

 

Deep Purple begleiten mich nach hinten in den Technikbereich, Ian Gillan kreischt mir „Fools“ in die Ohren, ich wechsle die Lappen und zähle die Pins in den Maschinen. Es sind vierzehn zickige alte Damen, die gepflegt werden wollen und jede Menge Aufmerksamkeit brauchen. Die mit dem elektrischen Shark haben dreiundzwanzig Pins, die mit dem Mechanischen vierundzwanzig. Bekommen sie nicht, was sie wollen, kratzen, beißen und spucken sie am nächsten Tag, die Narben auf meinen Unterarmen erzählen einen ganzen Roman davon.

 


 

Ian Gillan macht Pause für das, was „Fools“ so überirdisch klingen lässt – dieser eine, unglaubliche Akkord des Synthesizers. Die Narren rufen mich aus einer anderen Welt, immer wieder, immer lauter,  bis die Gasbetonwände der Halle vibrieren und es jagt mir Schauer über die Unterarme.

 

Dann fluten die ersten Takte von „Swanheart“ und die göttliche Stimme Tarja Turunens das Bowlingcenter. Die Jungs von „Nightwish“ waren dämlich. Wie konnten sie diese Frau nur gehen lassen? Ich bin schon in der Umkleide und  meine Gedanken sind nur noch zusammenhanglose Fetzen. Hose, Stiefel, Nierengurt, Jacke – das, was andere als Qual und Zeitverschwendung empfinden, ist für mich wie das Vorwärmen zu dem Rennen meines Lebens. Minus sechs Grad und Raureif auf der Straße. Na und? Der Countdown tickt.

 

Noch ein Blick in die leere und dunkle Halle, dann ziehe ich den Reißverschluss der Jacke zu und das Geräusch ist das Startsignal für meine Hirnanhangdrüse. Ein leichtes Kribbeln rinnt mein Rückgrat hinab und ich weiß, dass sie heiß darauf ist, mich mit Adrenalin vollzupumpen. Die letzten Klänge von „Faster“ von „Within Temptation“ höre ich nur noch wie ein Echo in meinem Kopf, während ich abschließe.

 

Das Traumtier lauert neben der Treppe auf mich, tief geduckt versteckt es seine mächtigen Muskeln unter einer unscheinbaren Verkleidung. Sinnlos, ich weiß, was sie leisten können.  Ich stecke den Schlüssel ins Schloss, eine Drehung, der Dämon neben mir erwacht mit einem satten Blubbern und zerrt schon im Leelauf mit unbändiger Kraft an seinen Fesseln. Ein winziges Zucken in meiner rechten Hand würde genügen, aus dem Brummen des Untiers ein jubilierendes Kreischen werden zu lassen.

 

Doch ich bin ein Junkie, der den Moment der Erfüllung seiner Sucht hinauszögert, und zünde mir eine Zigarette an. Ein paar hastige Züge und wenn sie vorbei sind …

 


Drei Rechtskurven, dann werde ich auf der Umgehungsstraße sein, nach drei Sekunden bei Tempo einhundert, neun Sekunden später bei zweihundert und dann bleibt noch knapp ein Kilometer, um auf zweihundertneunzig zu kommen. Die Welt wird auf einen dunklen Tunnel zusammenschrumpfen, in dem nur noch das Tier unter mir und ich, bis zur Halskrause zugedröhnt mit Adrenalin, existieren. Ich werde Falco in meinem Kopf mit seinem „Out of the Dark“ hören und wenn er bei seinem letzten „muss ich denn sterben, um zu leben“ angekommen ist, werde ich endlich schlafen können.

 

Es ist Zeit. Ich hole tief Luft, schnipse die Zigarette weg, schließe den Helm und steige auf. Der erste Gang ziert sich, als er schließlich doch einrastet, klingt es fast wie Lachen und für einen Moment scheint mir, als würde sich ein dunkler Schatten hinter mir auf die Maschine schwingen. Doch es ist keine Zeit mehr für Angst. Es ist Zeit für Träume …

*

„Alles in Ordnung?“ Es ist dunkel im Schlafzimmer und trotzdem weiß ich, dass Lena die Augen nicht geöffnet hat. Wie immer, wenn ich Spätschicht habe, hat sie nicht fest geschlafen und darauf gewartet, dass ich gut nach Hause komme.

 

„Aber natürlich!“, antworte ich und lege mich zu ihr. Ich komme immer gut nach Hause. Wohin sonst? Hier ist mein Herz.

 

Lena kuschelt sich im Halbschlaf an mich und murmelt: „Ich habe geträumt von dir.“

 

Ich muss an den Schatten denken, der sich vorhin, als ich losfuhr, hinter mir auf die Maschine geschwungen und dafür gesorgt hatte, dass ich nie schneller als siebzig fuhr.

 

Ich weiß jetzt, wer es war.

 

 

 

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