Schwerin-Lokal

Eine alte steinerne Lady erzählt

Schwerin, 13.05.2017 (red/lb).  In den letzten Monaten wurde viel über finanzielle Beteiligung von Anwohnern der verschiedensten Straßen in Schwerin diskutiert. Auch in der Rogahner Straße sollen die Anwohner sich an den Sanierungskosten beteiligen. Noch ist nicht klar, wie hoch die tatsächliche Summe sein soll. Ein Beitrag zwischen 50.000 und 100.000 Euro steht im Raum und macht den Anwohnern Angst. Vor kurzem hat sich nun eine Bürgerinitiative gegründet, die sich gegen diese hohe Selbstbeteiligung wehren möchte. 

Blick auf die Rogahner Straße. Foto: Schwerin-Lokal

Die Redaktion erreichte in dieser Woche dazu der Leserbrief einer 81-jährigen Frau (Name der Redaktion bekannt), die schon lange in der Rogahner Straße wohnt. Gerne geben wir ihn hier ungekürzt wieder. Nicht weil wir uns die Meinung des Leserbriefes zueigen machen, sondern weil wir glauben, dass er ein guter Diskussionsbeitrag in diesem Zusammenhang sein kann.

Leserbrief:

Entstanden bin ich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter Friedrich Franz II., Großherzog von Mecklenburg-Schwerin. Es war eine ruhige und beschauliche Zeit – über mein Kopfsteinpflaster holperten Pferdefuhrwerke und Kutschen. Das war gut auszuhalten, und in Richtung Schwerin zur rechten Seite gesellte sich ab 1858 die Eisenbahn auf dem ebenfalls neu geborenen Bahndamm dazu.

Diese Zeitepoche ging vorbei – mich gab´s immer noch!

Jetzt kam Kaiser Wilhelm II. Auch unter ihm blieb es für mich noch eine ruhige Zeit – mein Pflaster wurde schon mehr befahren, aber alles noch nicht aufregend.

Aber so blieb es leider nicht. Es braute sich etwas zusammen, der 1. Weltkrieg brach aus. Schienen und Straßen wurden stark belastet, ab Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden zu meiner Linken in Richtung Schwerin Häuser und Autoverkehr vervollkommnete Pferdefuhrwerke und Eisenbahnzüge. Es waren von 1914-1918 furchtbar Jahre.

Ich habe sie überlebt – mich gab´s immer noch!

Das Rad der Geschichte drehte sich weiter, die wilhelminische Zeit wurde durch die Weimarer Republik abgelöst. Der Fahrverkehr nahm zu, es holperte und fuhr ständig etwas über meine Steinköpfe, anhaben und abnutzen ging bei mir nicht, ich zeigte Qualität! Eine neue Zeitepoche kündigte sich an.

Nun löste das 3. Reich die Weimarer Republik ab, die Nazis waren an der Macht – der Fahrverkehr nach rasant zu, meine arme Oberfläche wurde arg beansprucht. Über mir flogen nun Flugzeuge, denn in Görries entstand ein Fliegerhorst, neben mir die vielen Züge, gegenüber die Häuser mit den Anliegern – 1944 die Bombenangriffe auf Görries. Häuser wurden teilweise total zerstört und Menschen getötet – es war eine furchtbare Zeit.

Aber ich habe alles überstanden – mich gab´s immer noch!

Auch diese schreckliche Zeitepoche wurde abgelöst. Im Osten Deutschlands entstand der Sozialismus. Ich wurde verkehrsmäßig immer mehr und mehr belastet, was musste ich bloß aushalten! Es rollte unaufhörlich über mich hinweg. Dazu die schweren Russenpanzer, sowohl auf mir als auch als Militäreisenbahnwaggons neben mir auf den Gleisen. Doch 1951 hatte der Stadtrat Schwerin ein Erbarmen mit mir – ich bekam eine neue Oberfläche aus grauem Granitsteinpflaster – es liegt heute noch! Doch was soll ich sagen, nach den friedlichen Demos im Jahr 1989 ging auch diese Epoche vorbei – der Sozialismus ging, aber mich gab´s immer noch!

Nun haben wir den Kapitalismus – ein freies mit freien Bürgern! Ein Verkehrsaufkommen nicht zum Aushalten für mich und meine Anlieger.
Aber es gibt mich noch, unverändert und einsatzfähig bzw. benutzbar! Die Rogahner Straße in Görries!

Meine Anwohner haben in allen Epochen zu mir gehalten – sie haben den Straßenrand von Unrat, Radkappen, Müll und oftmals von Lastern verlorene breitgefahrene Gegenstände befreit, sie haben die Rohre von den Straßengräbern freigehalten, damit der Abfluß zum Bach gewährleistet ist. Sie haben an die Wiesenränder gemäht und saubergehalten. Sie haben an meiner Bahnseite aus dem Gehweg ragende Brombeerzweige abgeschnitten. Sie haben einige Meter Gras gemäht damit der Fußweg auf der Bahnseite frei ist dergleichen vieles wahr. Sie haben das Gläserklirren in dem Schränken bei den schweren Lastern, Güterzüge und Panzer in Kauf genommen. Sie haben die immer größer werdenden Risse in ihren Häusern registriert und geschwiegen, und von Lärm will ich mal ganz ablehnen.
Aber nun kommt es, für all diese Treue dürfen sie nun eine in Erwägung gezogene neue Sanierung von mir auch noch zum großem Teil mitfinanzierten, ist das nicht toll?

Doch eines weiß ich, auch diese Epoche geht einmal zu Ende – was dann ist – wer weiß es.
Aber glaubt mir, mich gibt´s bestimmt auch dann noch die Rogahner-Straße in Görries.

Über mich ist nun viel erzählt worden und deshalb möchte ich jetzt ein paar Details über einige meiner Anlieger machen.
Mir ist bekannt, dass zu Zeiten meiner Entstehung  der heute Schweriner Ortsteil Görries ein kleines Bauerndorf war.  Für die Einwohner gab es keine Verbindung von Görries nach Schwerin. Sie konnten die Stadt nur über Krebsförden erreichen.

Von der Ecke Breite Straße bis Marienhöhe gab es keine Häuser, die enstanden erst um 1890 – 1908 – es waren also noch keine Nutznießer da, die heute mit horrenden Summen für mich zahlen sollen. Das nächste Phänomen ist, dass es von der Ecke Breite Straße bis Marienhöhe vier Häuser gibt, in denen Familien und bis zur fünften Generation wohnen.

Das ist in heutiger Zeit schwer nachvollziehbar, wo doch Traditionen und Heimatverbundenheit nichts mehr zählen. Aber oft zwingen Arbeitslosigkeit und andere negative Lebensumstände auch die treuesten Bürger zum Verlassen ihres Geburtsortes. – Leider. Ja, was auf mich und meine Anlieger in den nächsten Jahren zukommt, weiß noch keiner – aber wie schon gesagt, außer einen Atomkrieg werde ich alles überleben. Das Schicksal meiner Anlieger? Das weiß ich auch nicht.

Die Rogahner Straße in Görries

 

P.S. Eine Frage haben meine Anlieger noch – befinden sie sich gerade in einer Phase einer schleichenden Enteignung ? Sind sie dafür 1989 zu den Montagsdemos gegangen, damit der Kapitalismus ihnen ihre schuldenfreien Häuser und Grundstücke abnimmt. Als Dank für arbeits- und entbehrungsreiche Jahre im Sozialismus, um schuldenfrei zu werden?

 

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